Ein israelisch-palästinensisches Schulbuchprojekt zur Geschichte des Nahostkonfliktes

Ein Vortrag von Prof. Dr. Falk Pingel am 17.4.2012

Als Auftakt des Vorprogramms zur Nakba-Ausstellung im Juni referierte Prof. Dr. Falk Pingel aus Bielefeld, ehemaliger Direktor des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, über die Probleme bei der Ausarbeitung eines israelisch-palästinensischen Geschichtsbuches. Etwa 30 Zuhörer folgten dem Vortrag, der am 17.04.2012 in der Volkshochschule Heydenstraße stattfand.

Das Projekt des Peace Research Institute in the Middle East lief in Kooperation mit dem Braunschweiger Georg-Eckert-Institut von 2002 bis 2010 und war der Versuch, vermittelnd zwischen den beiden Volksgruppen tätig zu werden. Inhaltlich sollte nicht eine allgemeine Geschichte der Region erzählt werden, vielmehr war der Ansatz ein Schulbuch zu schaffen, welches die Perspektiven beider Seiten unabhängig voneinander zu Wort kommen lässt und somit zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Anderen führt. Bei existierenden israelischen und palästinensischen Schulbüchern herrscht eine äußerst einseitige und stereotype Sichtweise vor, die die Geschichte der anderen Seite größtenteils ignoriert oder gar negiert.

Beteiligt an diesem Buch waren palästinensische und israelische Lehrer. Sie erarbeiteten jeweils eine Version ihrer Geschichte, welche dann mit der anderen Gruppe diskutiert wurde. Durch diese Arbeitsweise entstand ein reger Austausch, der nicht nur reibungslos verlief, jedoch gerade deshalb sehr intensiv und fruchtbar war. Viele methodische und sprachliche Probleme mussten überwunden werden sowie die grundlegende Situation, nicht von der israelischen oder palästinensischen Regierung unterstützt zu werden. Die Zusammenarbeit mit palästinensischen Beamten hätte im Fall der Israelis gar als Verrat gewertet werden können, somit ist das Engagement dieser Lehrer bemerkenswert.

Inhaltlich folgt das Buch einem Prinzip paralleler Erzählung. Auf der linken Seite die israelische und auf der rechten Seite die palästinensische Sichtweise. Ein ganz besonderes Element bildet ein Bereich in der Mitte für Notizen. Somit wird für den Leser ganz klar, dass es hier nicht nur um eine Gegenüberstellung geht, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit der anderen Seite gesucht werden soll.

Nach wie vor wird dieses Buch, bis auf ganz wenige Einzelfälle, leider im aktiven Schulunterricht nicht genutzt und wird von beiden Regierungen nicht geduldet. Eine deutsche Version des Schulbuches kann hier eingesehen werden.


Moritz Böttcher

Praktikant im Friedenszentrum Braunschweig e.V.

 

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