Nächstes Jahr ist es so weit: das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt mehr als die restlichen 99 Prozent. Das brachte kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sich die Reichen und Mächtigen trafen, die Menschenrechtsorganisation Oxfam ans Licht.


Der französische Ökonom Thomas Piketty arbeitete in seiner 2014 erschienen Untersuchung "Das Kapital im 21. Jahrhundert" heraus, dass es speziell die reichsten 0,1 Prozent der Weltbevölkerung sind, deren Vermögen am schnellsten wächst, und zwar dreimal so rasch wie das Durchschnittsvermögen.

Damit hat Piketty das Märchen vom Gleichheitskapitalismus gründlich zerstört. Das Versprechen des Kapitalismus, er nütze allen (das zuletzt in Form der "Trickle-down-Theorie", auch Rossäpfel-Theorie genannt, verbreitet wurde), ist durch Pikettys Zahlenwerk ad absurdum geführt worden. Ungleichheit ist kein vorübergehender "Fehler" des kapitalistischen Systems, sondern dessen systemische Normalität. Es ist meist kein erarbeitetes Kapital, das die großen Gewinne erzielt, sondern ererbtes.

Was folgt daraus? Einige Reiche könnten, so Piketty, in wenigen Jahrzehnten über das ganze Vermögen der Welt verfügen. Zumindest könnten sich die reichsten zehn Prozent die ärmere Hälfte als Dienstboten leisten. Der politische Einfluss der Superreichen ist jetzt schon unübersehbar, er wird wachsen und die westlichen Demokratien unterhöhlen.

Als Gegenmittel schlägt Piketty Steuererhöhungen bei den Reichen (insbesondere bei der Erbschaftssteuer) und Steuerermäßigungen bei den Ärmeren vor. Dass die wachsende Ungleichheit schlecht für die Wirtschaft ist, hat sich inzwischen bis zum IWF und zur OECD herumgesprochen, von denen sonst nur das neoliberale Lob der Ungleichheit zu hören war.

Präsident Obama kündigte an, dass er den Mittelstand steuerlich stärker entlasten wolle (Frankfurter Rundschau vom 20. Januar). In Davos hat man hingegen nicht über Steuern geredet, auch nicht über Steuerflucht und Steuervermeidung (Frankfurter Rundschau vom 21. Januar 2015). Und auch von Frau Merkel war nichts davon zu hören.

Dr. Ingeborg Gerlach

 

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