Achim von Borries:

Rebell wider den Krieg. Bertrand Russell 1914-1918



Der Ausbruch der europäischen Jahrhundertkatastrophe im Herbst 1914 wurde zu einem tiefen Einschnitt im Leben und Selbstverständnis des englischen Philosophen Bertrand Russell (1872-1970). Mit einem staatlich verordneten Morden konfrontiert, das ihn entsetzte und empörte, sah er sich herausgerissen aus seiner bisherigen »theoretischen« Existenz. Er war schockiert über die um sich greifende nationalistische Massenhysterie, die Orgie des Hasses, den Taumel eines irregeleiteten »Patriotismus« - und über den »Verrat der Intellektuellen«, die, in England, wie in den anderen kriegführenden Ländern, zu Wortführern der Kriegspropaganda wurden. Gegen all dies begehrte er auf, mit jener Entschiedenheit, die ihm bis in sein hohes Alter eigen war.

Seit Mitte August 1914 protestierte Russell unermüdlich in Artikeln und Vorträgen gegen den Krieg und forderte einen schnellen Verhandlungsfrieden. Er engagierte sich in der Organisation der englischen Kriegsgegner und -gegnerinnen, verlor deswegen sein Lehramt an der Universität Cambridge, wurde einer der »meistgehassten Männer Großbritanniens« (Ronald W. Clark) und erhielt Anfang 1918 eine mehrmonatige Gefängnisstrafe.

Russell dachte aber während des Krieges schon über den Krieg hinaus, der die Destruktivität des herrschenden gesellschaftlich-politischen Systems demonstrierte. Ein radikales Umdenken über Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Erziehung erschien ihm notwendig, wenn die Katastrophe sich nicht wiederholen sollte. In drei für sein politisches Denken grundlegenden Schriften skizzierte er seine Systemveränderung im freiheitlich-sozialistischen Sinne: die Vision einer von autoritären Strukturen und kapitalistischer Ausbeutung freien Ordnung mit einer Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Dabei warnte er auch schon vor einem bürokratisch-zentralistischen Staatssozialismus mit seinen Gefahren für die Freiheit, wie er wenig später in der Sowjetunion etabliert werden sollte. Viele der von Russell in diesen Weltkriegsschriften angesprochenen Probleme, nicht zuletzt das einer internationalen Friedensordnung, sind nach wie vor aktuell.

Bertrand Russells Engagement wider den Krieg 1914-18, auf publizistischer, politischer und sozialphilosophischer Ebene, ist ein eindrucksvolles Beispiel moralischer Unabhängigkeit wie kreativen Denkens, wie sie Russell auch später immer wieder ausgezeichnet haben, vor allem in seinem Kampf gegen das atomare Wettrüsten.

Achim von Borries, Herausgeber mehrerer Schriften Bertrand Russells in deutscher Übersetzung, stellt in drei Hauptabschnitten »Protest«, »Widerstand« und »Neues Denken« des englischen Philosophen im Ersten Weltkrieg dar.

Empfohlen von Frieder Schöbel

 

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