Drucken

Lichterinstallation auf der Oker, Redebeiträge, Lesung & Musik


Musik mit Matthias Wesche am Hiroshima-Ufer im Theaterpark Braunschweig

 

Das Friedenszentrum lud am 7. August zum diesjährigen Braunschweiger Gedenken an die Atombombenopfer in Hiroshima und Nagasaki ein: 100 Kerzen schwammen auf der Oker am Hiroshima-Ufer zur Erinnerung an die Toten und Verwundeten und an die Verwüstung zweier Städte.
Es gab Wortbeiträge von Elke-Almut Dieter, Dieter Daunert und Corinna Senftleben, die Auszüge aus dem Zeitzeugenberich "Glatzkopf Tetsu" las. Matthias Wesche sorgte mit Liedern zum Thema für den musikalischen Rahmen.







 





 Spontane Aufbauhilfe gab es von vor Ort anwesenden Jugendlichen, die auch der Veranstaltung bis ztum Schluss beiwohnten und auch das Wort ergriffen.

 



Rede Dieter Daunert


Guten Abend, mein Name ist Dr. Dieter Daunert. Ich bin Allgemeinarzt im Ruhestand und Mitglied der IPPNW, also der Ärztinnen und Ärzte der Organisation zur Verhütung eines Atomkrieges und Ärztinnen und Ärzte in sozialer Verantwortung.

Die IPPNW wurde in den achtziger Jahren zur Zeiten der des kalten Krieges von dem amerikanischen Kardiologen, Prof. Lown und dem russischen Kardiologen Prof. Tschasow gegründet. Beide Ärzte trafen sich auf Kongressen und vertraten die Auffassung, dass eine medizinische Hilfe nach einem Atomkrieg nicht mehr möglich ist und alles in ihrer Macht stehende getan werden müsste, um einen Atomkrieg zu verhindern.
Es war dann ein Glücksfall, dass durch die Politik von Bundeskanzler Brandt und die Entspannungspolitik durch Verhandlung ein großer Krieg verhindert werden konnte und eine militärische Eskalation zwischen der NATO und den Staaten des Warschauer Vertrages ausgeblieben ist.

Aktuell sind wir mit einer Politik konfrontiert, durch eine zunehmende Eskalation zwischen den Staaten der NATO und der russischen Föderation stattfindet.
Ich habe nicht die Absicht, in dieser Rede den gesamten historischen Hintergrund des Ukraine Konfliktes zu beschreiben.

Ich möchte anlässlich des Hiroshima Tages ausschließlich auf die Gefahr einer aus dem Ruder laufenden Konfrontation zwischen der NATO und der Russischen Föderation hinweisen.
Ich sehe die Gefahr, das durch die Drohnenangriffe der ukrainischen Armee  tief im russischen Hoheitsgebiet die russischen Eliten und Präsident Putin zu der Überzeugung kommen könnten, dass drastische Maßnahmen notwendig sind (z.B. der Einsatz von Atomwaffen), um dem Westen zu demonstrieren, dass Russland nicht ruiniert werden kann und sich kampflos dem Untergang hingeben wird.
Im Gegensatz zu dem Generalsekretär Gorbatschow der UdSSR, sehe ich in Präsident Putin einen erbarmungslosen, aber rational agierenden Machtpolitiker, jemanden, der vermutlich Atomwaffen einsetzen würde, wenn er die Gefahr der Zerstörung der Russischen Föderation sähe.

Ich möchte deshalb jetzt am Hiroshima Tag auf eine Greenpeace Studie hinweisen, in der die Konsequenzen des Einsatzes einer Atombombe über Berlin als Szenario beschrieben ist.

Da der Regierungssitz wahrscheinlich das Ziel eines Atomwaffenangriffs wäre, wurde in der Studie die Explosion einer 20 Kilo Tonnen Atombombe über Berlin beschrieben. In einem Bereich von 1,4 km vom Explosionsort entsprechend 6 km² würden durch die Druckwelle die thermische Wirkung und die hohe Radioaktivität sofort oder durch die massiven Verletzungen  innerhalb eines Monats  etwa 25.000 Menschen sterben.
In einem Bereich von 1,9 km entsprechend einer Fläche von 11,5 km² wären etwa 50.000 Menschen mit Verbrennungen bis dritten Grades betroffen. Die weiteren Schäden, die also durch Verstrahlung und chronische radioaktive gesundheitliche Schäden verursacht würden, betreffend etwa 300.000 Menschen, die im Anschluss an ihr Überleben unter massivsten gesundheitlichen Schäden leiden müssten.

Anlässlich des Unfalls in der Bar in der Schweiz in Crans Montana Silvester 2025/26 als etwa 115 junge Leute mit schwersten Verbrennungen versorgt werden mussten, war die Schweiz, die ein vorbildliches Gesundheitswesen besitzt, nicht mehr imstande, diese Opfer zu versorgen und mussten andere Länder um Hilfe bitten, um diese jungen Leute angemessen zu versorgen.

Anlässlich dieser Situation habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie eine Situation nach dem Einsatz von Atomwaffen in Deutschland aussehen  würde und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass die Konsequenzen wären, dass die Lebenden die Toten beneiden werden, da eine auch nur ansatzweise angemessene medizinische Versorgung der Opfer unmöglich ist.

Anlässlich eines Besuches in Hiroshima im Jahre 2014 habe ich natürlich auch das Museum besucht, dass die Folgen des Hiroshima Bombeneinsatzes dokumentiert. Ich habe nach der Hälfte des Rundganges aufgrund des dokumentierten Grauens das Museum verlassen müssen, da ich den Schrecken nicht mehr ertragen konnte.

Ich plädiere dafür, auf unsere Politiker einzuwirken von dem Eskalationskurs  der durch die  permanenten Aufrüstung befeuert wird abzusehen und in Verhandlung mit der Russischen Föderation einzutreten.
Ich kann wirklich nicht verstehen und zweifele an dem Verstand unserer Politiker, dass sie sehenden Auges mit dieser Form von atomaren Feuer spielen?
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.






Lesung: Auszüge aus »Glatzkopf Tetsu« erlebt und erinnert von Tetsushi Yonezewa

In einem Zeitzeugenbericht beschreibt und dokumentiert Kenji YAMAMOTO im Buch »Glatzkopf Tetsu« die Geschichte seines Freundes Tetsushi Yonezewa, geboren am 7. August 1934 in Hiroshima, einem »Hibakusha« (jemand, der die Atombombe überlebt hat). Er war der Atombombe nur 750 Meter vom Explosionszentrum entfernt ausgesetzt, als er mit seiner Mutter in einer Straßenbahn durch Hiroshima fuhr. Tetsu war damals in der 5. Klasse, und es war der Tag vor seinem elften Geburtstag. Danach befand sich Tetsu an der Grenze zwischen Leben und Tod. Wie durch ein Wunder überlebte er.


6. August 1945

„Meine Mutter und ich fuhren am frühen Morgen des 6. August 1945 mit dem ersten Zug von unserem Evakuierungsort auf dem Land in die Stadt Hiroshima. Ich war begeistert, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder nach Hiroshima zu fahren.  (...)Es war ein Montag.  (...) Es waren Sommerferien, ich hätte es mir zu Hause gemütlich machen können. Der Grund für die Reise war, dass wir gezwungen worden waren, die Stadt ohne jegliche Vorbereitung zu verlassen. Wir wurden evakuiert. Deshalb konnten wir nicht viel mitnehmen. Nun wollten wir verschiedene Dinge von unserem früheren Zuhause in Hiroshima holen.“

„Um 6.30 Uhr stiegen meine Mutter und ich in den ersten Zug vom Bahnhof Shiwaguchi nach Hiroshima.  (...)
Gegen 7.30 Uhr kamen wir am Bahnhof Hiroshima an, die Sommersonne stand hoch am Himmel. Es gab keine einzige Wolke und es war so hell in der Stadt, dass wir total vergaßen, dass wir im Krieg waren. (...)“

-------
 

Am Bahnhof Hiroshima mussten wir in die Straßenbahn umsteigen. Aber es war noch keine in Sicht. Es warteten schon viele Fahrgäste.

Nach einiger Zeit, gegen 8.00 Uhr, kam eine Straßenbahn, (...) sie war überfüllt. Ich glaube, dass die Straßenbahn nur für etwa 50 Personen bestimmt war, aber es waren mehr als doppelt so viele darin. Meine Mutter und ich fanden  (...) eine Lücke zwischen den Leuten.

Ich war links in der Mitte des Wagens zwischen einigen Erwachsenen eingeklemmt. Alles, was ich tun konnte, war, die Hand meiner Mutter zu halten. Kurz vor der fünften Haltestelle ratterte die Bahn kurz. Ich sah eine Zeitungsfirma vor dem Fenster und dachte: „Oh, wir sind schon im Bezirk Nagarekawa.“

"Gleichzeitig gab es einen extremen Lichtblitz und dann folgte ein gewaltiger Lärm.  (...)"

"Die Atombombe wurde von einem amerikanischen Bomber, der B-29 „Enola Gay“, abgeworfen. Es war ein unglaubliches Geräusch. Es war, als gingen 100 Donner gleichzeitig los. Es war nicht nur das Geräusch. Alle Fensterscheiben des Zuges zerbrachen augenblicklich und Splitter flogen durch die Luft. Die Passagiere an den Fenstern waren mit Glasscherben übersät und blutverschmiert.

Wegen einer Staubwolke war es unmöglich, außerhalb der Straßenbahn etwas zu sehen.
Meine Mutter und ich saßen im hinteren Teil des Wagens und waren offenbar nicht verletzt. Wir versuchten auszusteigen, stiegen über tote Fahrgäste und rannten panisch
davon.

Irgendwie war es uns gelungen, die Straßenbahn zu verlassen. Es war so dunkel, dass wir nicht weit sehen konnten. Deshalb wussten wir nicht, in welche Richtung wir gehen sollten. Aber wir wussten, dass wir von hier wegmussten. Also rannten wir einfach irgendwie los. Es wehte ein sehr heißer und enorm starker Wind. Wohin wir rannten konnten wir nicht sehen.

Wie ich später erfuhr, war das die Druckwelle gewesen.
Die Temperaturen im Hypozentrum lagen zwischen 5.000 und 6.000 Grad Celsius und über 1.000 Grad Celsius am Boden.
Die Windgeschwindigkeit betrug 440 Meter pro Sekunde im Hypozentrum und 220 Meter pro Sekunde an der Stelle, an der ich der Bombe ausgesetzt war –
nur 750 Meter entfernt vom Hypozentrum. Nicht mal ein Taifun war so stark. (...)"

------- 

"Nachdem etwa drei bis fünf Minuten vergangen waren, begann sich der Staub zu legen und wir konnten allmählich unsere Umgebung erkennen. Ich schaute zurück und sah die Straßenbahn. Während ich darüber nachdachte, dass wir noch vor Kurzem dort drin waren, sah ich, wie die Straßenbahn plötzlich anfing zu brennen. Wären wir nicht weggerannt, wir wären verbrannt. Als wären meine Gedanken das Startsignal gewesen, begann alles um uns herum zu brennen. Wir mussten von hier verschwinden! „Wenn wir hier bleiben, werden wir verbrennen!“, schrie meine Mutter, nahm meine Hand und wir rannten weg.

Wir hatten keine Ahnung, dass die Bombe, die mit einer so zerstörerischen und tödlichen Kraft abgeworfen wurde, eine Atombombe war. Aber als wir unmittelbar nach dem Bombenabwurf durch die Stadt liefen und sahen, wie die Hiroshima bis auf einige Gebäude zerstört und alles niedergebrannt war, wurde uns klar, was für eine schreckliche Waffe das war. (...)"

-------

"Einige der noch schrecklicheren Szenen brannten sich in mein Gedächtnis ein.
Vor dem Gebäude, in dem sich früher die Zentrale Rundfunkstation von Hiroshima befand, sah ich eine junge verkohlte Mutter mit ihrem Baby auf dem Rücken. Sie steckte mit ihrem Kopf und Oberkörper in einem Wassertank. Ihr muss so heiß gewesen sein, dass sie ihren Kopf und ihr Gesicht in den Tank steckte, aber dort augenblicklich starb. Das Baby schien auch schon gestorben zu sein. Die Mutter lag mit dem Gesicht nach unten im Wasser, aber ihre Haare standen ab. Sie hatten sich wie die Stacheln bei einem Igel aufgestellt.  (...) Es war ein unbeschreiblich schrecklicher Anblick.

Während wir flohen, kamen die Flammen von allen Seiten. Da die meisten Häuser aus Holz waren, breitete sich das Feuer sofort aus,  (...) Es war, als stünde die ganze Stadt in Flammen."

-------

"Es gab unzählige Menschen, die unter Trümmern von Gebäuden und Häusern gefangen waren, die von der Explosion niedergerissen wurden. Als wir flohen, sahen wir sie. Sie lagen unter Trümmern und dann brach Feuer aus. Sie schrien: „Hilfe! Heiß! Wir verbrennen!“ Aber es gab nichts, was wir tun konnten.

Sie befanden sich unter den Dächern, Balken und Trägern, und es war unmöglich, ihnen ohne Werkzeuge zu helfen. Wenn wir nichts unternahmen, würden sie zu Tode verbrennen. Ich wollte sie retten, aber ich konnte nichts tun.

Ich sah Menschen, die versuchten, ihre Verwandten und Freunde zu retten. Aber sie waren oft auch selbst verletzt. Es war nicht leicht zu helfen. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als die verschütteten und verletzten Menschen im Stich zu lassen, weinend wegzulaufen und „Es tut mir leid“ zu sagen, um nicht selbst zu verbrennen. (...)"
 
-------

"Vor meinen Augen war wieder der Fluss Kyobashi zu sehen, ein Nebenfluss des großen Ota, der durch Hiroshima fließt. Allen Menschen war so heiß, dass sie zum Flussbett gingen, um Wasser zu trinken. Viele von ihnen saßen knietief im Wasser und streckten die Hände aus, als ob sie hineinspringen wollten. Als sie versuchten, Wasser in den Mund zu nehmen fielen sie nach vorne und wurden vom Fluss mitgerissen. Es war, als ob sie bis zum letzten Augenblick ihres Lebens auf der Suche nach Wasser waren.
 
Die Menschen fielen in den Fluss und wurden weggespült. Am Anfang bewegte sich das Flusswasser noch. Aber zu viele Schüler und Erwachsene fielen in den Fluss und brachen zusammen, sodass die gesamte Flussoberfläche mit ihnen gefüllt war und das Wasser nicht mehr fließen konnte. Die meisten von ihnen starben bald darauf und der Fluss war mit Leichen gefüllt.  (...)"

-------

» mehr Info zum Buch und seinem Autor Kenji YAMAMOTO

» https://mainichi.jp/english/articles/20230216/p2a/00m/0na/018000c

 




Matthias Wesche interpretierte musikalisch u.a. das Gedicht


Zeitgemäße Ansprache (1945)

von Mascha Kaléko



Wie kommt es nur, daß wir noch lachen,
Daß uns noch freuen Brot und Wein,
Daß wir die Nächte nicht durchwachen,
Verfolgt von tausend Hilfeschrein.

Habt ihr die Zeitung nicht gelesen,
Saht ihr des Grauens Abbild nicht?
Wer kann, als wäre nichts gewesen,
in Frieden nachgehn seiner Pflicht?

Klopft nicht der Schrecken an das Fenster,
rast nicht der Wahnsinn durch die Welt?
Siehst du nicht stündlich die Gespenster
Vom blutigroten Trümmerfeld –

Des Tags, im wohldurchheizten Raume:
Ein frierend Kind aus Hungerland,
Des Nachts im atemlosen Traume:
ein Antlitz, das du einst gekannt.

Wie kommt es nur, daß du am Morgen
Dies alles abtust wie ein Kleid
Und wieder trägst die kleinen Sorgen
Die kleinen Freuden, tagbereit.

Die Klugen lächeln leicht ironisch:
Ca c'est la vie. Des Lebens Sinn.
Denn ihre Sorge heißt, lakonisch:
Wo gehn wir heute abend hin?

Und nur der Toren Herz wird weise:
Sieh, auch der große Mensch ist klein.
Ihr lauten Lärmer, leise, leise.
Und laßt uns sehr bescheiden sein.



Quelle: https://www.deutschelyrik.de/zeitgemaesse-ansprache.html