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DISKUSSION aktuell:
Ende Juli 2021 (Friedenszentrum)  - von Ingeborg Gerlach

 

Am 31. August 2021 soll ein Großer Zapfenstreich vor dem Bundestag zu Ehren der aus Afghanistan zurückkehrten Truppen veranstaltet werden. Spät war es den politisch Verantwortlichen eingefallen, dass man fast 20 Jahre Krieg am Hindukusch nicht sang- und klanglos zu Ende gehen lassen dürfe. Obwohl ein solches nüchternes Ende dem kläglichen Ergebnis dieses Krieges voll und ganz entsprochen hätte. Was hatte man denn gewonnen? Was galt es zu feiern? Und der fluchtartige Abzug aus dem Land, wo man angeblich die westliche Freiheit verteidigte, hinterlässt dieses Land mehr oder weniger so, wie man es 2001 vorgefunden hatte. Nämlich als eine Beute der Taliban, zu denen jetzt auch noch Kämpfer des IS hinzugekommen sind. Was wird aus den einheimischen Helfern, die längst nicht alle Exil im Westen finden? Was wird aus den Frauen und Mädchen, die einige Jahre Bildung erfahren durften? Was wird aus der vorsichtig sich formenden Zivilgesellschaft, wenn wieder ein Gottesstaat entsteht? Zwar existiert Osama bin Laden nicht mehr, den die US-Regierung in einer extralegalen Hinrichtung liquidieren ließ. Auch ist Afghanistan kein Terroristennest mehr, aber das ist auch alles, was in zwanzig Jahren erreicht wurde. Aus dieser tristen Bilanz ergeben sich einige Fragen.

Eine davon stellte ein deutscher Militär, der auf die Kunde vom baldigen Abzug der Truppen äußerte, was er denn seinen Soldaten sagen sollte, wenn sie fragten, wofür sie gekämpft hätten und gestorben wären. Eine Antwort hat er nicht bekommen.

Das führt zu der nächsten Frage, ob 20 Jahre Krieg notwendig gewesen waren. Die US-Amerikaner waren nicht an Nation Building interessiert; ihnen reichte der militärische Sieg Eine Afghanistan-Politik, die sich um den Ausgleich der ethnischen Gegensätze bemüht hätte, war nicht ihre Sache. Sie überließen das Regieren den War Lords, den Stammesherrschern, die sich an westlicher Aufbauhilfe bereicherten und ihren Anhängern Führungspositionen verschafften. Die USA dachten auch nicht daran, sich mit den Taliban zu arrangieren, solange diese noch schwach waren. Das tat erst, als es schon zu spät war, Trump, der sich den lästigen Krieg vom Hals schaffen wollte, und direkt mit den Taliban hinter dem Rücken der – freilich schwachen und korrupten – Regierung verhandelte. Es waren keine bindenden Abkommen, die er mit ihnen schloss, und heute, nach dem Abzug der amerikanischen Truppen, erobern sie eine Provinz nach der anderen.

Zieht man Bilanz, so kommt man zu der Frage, ob sich Militärinterventionen überhaupt »lohnen«. Neben Afghanistan zeigen der Irak, Syrien und Libyen (und demnächst Mali), dass keine dieser Interven- tionen etwas anderes als Chaos und Destabilisierung gebracht hat. Für Deutschland waren es 59 Tote, Tausende von Verletzten und Traumatisierten sowie hohe Milliardenbeträge, die wir bezahlt haben. Die Höhe der afghanischen Verluste dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Deutschland müsse mehr »Verantwortung« zeigen, hieß es jahrelang, wenn wieder mehr deutsche Truppen angefordert wurden. Und die deutschen (Verteidigungs-)Politiker von Peter Struck bis Annegret Kramp-Karrenbauer stimmten vollmundig mit ein. Damit wären wir bei Max Webers berühmter Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Letztere wurde mit einem Militäreinsatz am Hindukusch und sonst wo gleichgesetzt. Die als Verteidigungsarmee gedachte Bundeswehr mutierte zur Interventionsarmee. Der Einsatz galt als Kriterium für Regierungstauglichkeit. Wer nicht mitmachte, wer sich, wie ein großer Teil der Linkspartei auf die pazifistische Gesinnungsethik berief, galt als nicht regierungsfähig. Aber wenn sich nun erweist, dass die Interventionen alles andere als »verantwortungsvoll« waren, fallen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik zusammen. Die Bundeswehr muss ihre Konzeption ändern; die Linke kann bei ihrer Gesinnungsethik bleiben.

Und den Großen Zapfenstreich kann man sich sparen.   


Ingeborg Gerlach