Rede zum Jubiläum des Friedenszentrums

Wenn ich überlege, welche meiner Denkweisen von der Mitarbeit beim Friedenszentrum am meisten beeinflusst wurde, dann die vom Frieden per se.

Als junger, engagierter und in Deutschland aufgewachsener Mensch wusste ich vor allem eines: "Mir geht's gut". Und zwar so gut, dass ich es mir erlauben kann mir um andere Menschen Gedanken zu machen, denen es nicht so gut geht. Diesen Zustand verdank ich vor allem meinen Eltern, da ich nie existenzielle Ängste erleiden musste. Aber auch einem Sozialstaat, der vieles getan hat, um seine Bürger vor solchen Ängsten und Umständen zu schützen.



Durch Berichte in den Nachrichten und das Internet wird man früh mit der Tatsache konfrontiert, dass es bei weitem nicht jedem Menschen auf der Welt ähnlich gut geht wie einem selbst. Man hört von Missständen wie Kinderarmut, Schändungen, Hungersnöten, sowohl von Opfern natürlicher Katastrophen, sowie vom Menschen verursachte Katastrophen. Zwei dieser begleiteten unwissentlich meine frühste Kindheit: Tschernobyl 1986 und der ausbrechende Balkankonflikt 1991. Das Ausmaß dieser Katastrophen begriff ich erst 2007 bei einer Studienreise. In der Nähe von Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, fuhren wir an vielen Bauernhäusern vorbei. Während einer recht fröhlichen und ausgelassenen Busfahrt wurde es auf einmal still. Denn jeder begriff, wer hier einst lebte, wurde abrupt und grausam aus dem Leben gerissen. Es gab kein Haus, welches nicht völlig vom Maschinengewehrfeuer zersiebt worden war. 2011 musste ich erfahren, wie es zu meiner Geburt in Europa, genauer gesagt in der Ukraine, gewesen sein muss. Und dass Frieden nicht unmittelbar mit dem Zustand des Waffenstillstands gleichzusetzen ist. In beiden Fällen war es kein Kriegswüter, der den Frieden störte. Aber wenn ein Mensch, wie bei einer Vertreibung, alles stehen und liegen lassen muss und wohlmöglich nicht mehr die Chance bekommt zurückzukehren, ihm quasi sein alltägliches Leben entrissen wird, dann kann man wohl auch nicht mehr von Frieden sprechen.

Wie also soll ich Frieden verstehen? Wo beginnt er, wo hört er auf und was umfasst er? Zu meiner Schulzeit lernte ich sehr viel über das 3. Reich. Ich bekam einen Eindruck, wie schlimm es manchen Mitmenschen hier erging und wusste: so etwas will ich in meinem Heimatland nicht wieder haben. 2003 nahm ich dann an meiner ersten Gegendemo gegen einen Neo-Nazi-Aufmarsch teil. Zwei wichtige Lektionen zum Thema Frieden hatte ich gelernt. Zum Einen muss man gut informiert sein, zum Anderen dazu bereit sein aktiv für etwas einzutreten. Rückblickend würde ich meine Haltung als kontraproduktiv einstufen. Zwar ist etwas tun immer besser als nichts zu machen, dabei bleibt aber die Frage nach den richtigen Beweggründen. Ich war gegen Rechts, gegen Nazis, gegen faschistische Ansichten. Parolen wie "Nazis raus" kamen auch aus meinem Mund. Mir lag nicht an einem Diskurs. Ging es nach mir, hätte ich sie weggesperrt und verbannt und mich wohlmöglich dabei noch im Recht gesehen, wollte ich doch hierzulande nie wieder solche Missstände erleben.

Meine Ansicht änderte sich erst durch jemanden, den ich seit frühster Kindheit einen guten Freund nennen darf. Daniel Gottschalk, ein Mitarbeiter des Friedenzentrums, der sich gern und häufig an klugen Zitaten bedient. So auch von Rosa Luxemburg "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern". Da Freiheit für mich ein großer Bestandteil des Friedens ist, musste ich also falsch liegen. Denn wenn ich die Freiheit anderer einschränke, kann ich unmöglich den Frieden erhalten. Ich gehe weiterhin auf die Straße, aber nicht mehr aus den falschen Gründen. Denen, die denen der Neo-Nazis sehr ähneln. Dem einfachen Empfinden, gegen etwas zu sein. Gruppierungen von Menschen zu diskriminieren und wohlmöglich zu verstoßen. Ich gehe für eine fortgeschrittene Gesellschaft von Aufklärung, Toleranz und Akzeptanz auf die Straße, die bei Missständen den Diskurs sucht. Klar wäre das Optimum ein völliges Verblassen dieser Gesinnung. Ein friedliches Ziel kann jedoch nur die Aufklärung über das falsche Gedankengut sein.

Sich für den Frieden einzusetzen ist also Überzeugungsarbeit. Im Zuge dessen überzeugte mich Daniel, mein Praktikum für das Studium im Friedenszentrum zu absolvieren. Das Erste, was mir auffiel war, dass ich auf eine sehr offene Runde von Menschen traf. Man bat mir umgehend das Du an und es wurde nach meiner Meinung gefragt. Diese Offenheit schuf sehr schnell eine Vertrauensbasis. Zwei der wichtigsten Anliegen, egal ob auf staatlicher internationaler Ebene oder einfach in zwischenmenschlichen Beziehungen. Um eine friedliche Lösung zu finden, braucht es Offenheit und Vertrauen.

Ich wurde gleich über zahlreiche Projekte informiert, die das Friedenszentrum betreut oder unterstützt, und bekam so einen weitreichenden Eindruck, was Frieden ist, besser gesagt wie mannigfaltig die Arbeit für den Frieden ist. Über Gedenkarbeit gegen das Vergessen, vom Pflegen der alten, bis zur Deklaration neuer Gedenkorte, sowie der Initiative einer informativen Führung zu diesen. Wer der Ansicht ist, dass das Wühlen in der Vergangenheit nur wenig mit der Schaffung und Sicherung von zukünftigen Frieden gemein hat, der irrt. Wenn ein Belgier, nach über einem halben Jahrhundert Klarheit darüber bekommt, was mit seinem Großvater geschah, dann war es eine gute und wichtige Arbeit. Und wenn man auf offene, interessierte Ohren trifft, egal welchem Alters, die etwas mehr über die Stadthistorie erfahren wollen und sich gar vielleicht darüber hinaus engagieren wollen, dann ist das gute und wichtige Arbeit. Denn nur wenn man, weiß wer man ist und woher man kommt, kann man sich eine Meinung darüber bilden, was gut und was schlecht ist und wohin man will.

Das Auf interessierte Ohren Treffen ist wahrscheinlich die größte zu nehmende Hürde. Denn sie findet in vielen Instanzen statt. Da sind sowohl die vielen notleidenden Menschen auf der Welt, die Gehör und Augenmerk verdient hätten. Manche, wie das Friedenszentrum, seine Mitglieder und seine Interessenten, die diese Hilfeschreie hören und weitertragen wollen, um etwas zu unternehmen. Wenige Politiker und Wirtschafter tun es, welche die Macht besäßen umzudenken, umzulenken und ihre nicht abstreitbar gewichtige Stimme einzusetzen. Und es gibt eine breite Masse an Menschen, denen es selbst obliegt, für welchen Sachverhalt sie sich interessieren, ob sie etwas hören und ändern wollen oder ob sie es ignorieren. Dabei sind die Letztgenannten eine sehr wichtige Einheit, da das Petitionsrecht ein weiteres Mittel ist, um aktiv an der Politik und den Geschehnissen teilzuhaben. Jedoch benötigt jede Petition eine gewisse Mindestanzahl an Unterschriften. Im gleichen Atemzug möchte ich kurz die Internetgemeinschaft Avaaz ansprechen, welche auch mit Erfolg versucht dieses Recht global zu nutzen.

Ich möchte an dieser Stelle schon mal einen ersten Dank aussprechen, da das Friedenszentrum sich immer wieder kontinuierlich diesen Hürden stellt und versucht zu vermitteln. Ein Standbein dessen sind die monatlichen Vorträge und Diskurse in Volkshochschule. Mit einer diversen Themenvielfalt unter dem Namen "Wege zu einer Kultur des Friedens" werden Themen und Menschen der Vergangenheit, der Gegenwart und Möglichkeiten für die Zukunft debattiert. Die Besucher sind ebenso divers wie die Themen. Mal trifft man auf Zustimmung, mal auf Ablehnung, mal auf Verbesserungsvorschläge, mal auf Kritik. Jede Person und Meinung ist willkommen, umso willkommener ist sie konstruktiv und sachlich. Manchmal findet man sich in recht kleiner Runde wieder und manchmal muss man erst mal einen freien Stuhl finden. Die Zahl der Besucher ist immer abhängig von der Öffentlichkeit und ihrem Interesse.

Also ist Friedensarbeit auch Öffentlichkeitsarbeit. Schließlich muss jeder Menschen erst mal erfahren, wo und welche Missstände es gibt und inwiefern es ihn bewegt, bevor er eine Veranstaltung besucht, die darüber thematisiert. Viele Menschen erreicht man auch durch Aktionen, wie der am Hiroshimagedenktag "Kerzen auf der Oker". Die Lichter werden begleitet von einer Lesung, was die Menschen zum Nachdenken anregt. Je mehr Menschen dazu angeregt werden, umso besser. Und da wir uns über rege und stetig steigende Teilnehmerzahl erfreuen konnten, hoffe ich, dass dieses Projekt auch weitergeführt wird und weiter anwächst. Denn seien wir ehrlich, wenn man heutzutage viele Menschen erreichen will, muss man ihnen etwas bieten, was ihr Interesse weckt, über den schieren Dialog hinaus.

Es ist vor allem eine lange und andauernde Arbeit, denn Erfolge erreicht man nicht am laufenden Band und schon gar nicht umgehend. Hartnäckigkeit und Kontinuität sind gefragt. Ich denke da an die langwierige Korrespondenz mit dem Bürgermeister zur Teilnahme an den "Mayors for Peace". Und dank dieser Hartnäckigkeit und Beständigkeit sind kleine wie große Erfolge zu verzeichnen, weswegen diese Arbeit sehr lohnenswert ist. Es ist leider nicht möglich alles Schlechte auf der Welt auf einmal zum Guten zu kehren, aber man kann überall Ansätze schaffen. Dazu braucht es nicht immer große Gruppen und große Unglücke, auch im Einzelnen kann man sich einsetzen. Man kann sich über Hilfs- und Förderprogramme informieren und diese unterstützen oder zu Fair Trade Produkten greifen, um die Welt auch nur ein wenig gerechter zu machen. Oder einfach andere Menschen anregen, sich über eine Sache, die für einen von Belang ist, Gedanken zu machen.

Die Frage was für mich also Frieden ist, kann ich nicht in einem Satz beschreiben. Für mich ist er der Prozess aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen, die Fehler in der Gegenwart zu erkennen und der Versuch diese Fehler in der Zukunft zu beseitigen, ohne irgendjemanden dabei psychisch oder physisch zu schaden. Stets begleitet von unserer Wahrnehmung, den Mut zu haben, nicht einfach wegzusehen, dem Erkennen, dass etwas getan werden muss, dem Engagement, etwas zu machen, und den Glauben daran, dass es nicht vergebens ist. Mit dem grundsätzlichem Empfinden, dass Menschen gleich sind und die gleichen Rechte und Chancen haben sollten. Es fängt bei einem selbst an, umgibt unseren Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, und kann hinaus über Städte und Länder gehen. Aber das ist nur meine Auffassung des Friedensbegriffs, mit welcher Auffassung Sie zufrieden sind, müssen Sie selbst entscheiden.

Für diese Einsicht und alle gesammelten Erfahrungen, für die Offenheit, für ein globales Augenmerk, für die Informationen, für die diversen Meinungen und Beteiligungen, das Engagement, den kontinuierlichen Einsatz, für die Gutherzigkeit und für das Vertrauen in die Projekte und Menschen möchte ich mich ganz herzlich beim Vorstand und allen Mitgliedern des Friedenszentrums bedanken. Danke für die Zeit und die Mühen, die ihr die vergangenen 25 Jahre aufgebracht habt, und mögen viel Motivation, Erfolg und Gesundheit die nächsten 25 begleiten!

 

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