Rede zur Eröffnung des Braunschweiger Ostermarsches 2010
Frieder Schöbel, Vorstandsmitglied im Friedenszentrum

Liebe Braunschweigerinnen und Braunschweiger,


begrüßen möchte ich all diejenigen, die sich zu Ostern hierher auf die Socken gemacht haben, um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren. Ich bin gebeten worden, zum 50. Jubiläum der Ostermärsche ein paar Worte zu sagen, weil ich schon bei den ersten Ostermärschen dabei gewesen bin, jedenfalls ab 1962.

Braunschweig war einer der fünf Ausgangspunkte für den ersten deutschen Ostermarsch 1960. Die Organisatoren waren hier Heinz Friedrich und Andreas Buro. Vor der Katharinen-Kirche sprach der Theologieprofessor Fritz Wenzel, der einige Jahre zuvor SPD-Abgeordneter für Braunschweig im Bundestag gewesen war.


Nur 20 Menschen hatten sich damals versammelt, um gemeinsam mit den anderen Sternmärschen von Hamburg, Hannover, Bremen und Lüneburg zu Fuß über mehrere Tage zum Raketenabschussplatz Bergen-Hohne zu ziehen und gegen die Schießübungen der US-Amerikaner mit Honest-John-Atom-Raketen zu protestieren. Sie hatten schwarze Fahnen dabei, denn der Menschheit drohte der Tod durch einen Atomkrieg.
Als sie nach drei Tagen ankamen, war die Menge immerhin auf 1000 Menschen angewachsen, und in jedem folgenden Jahr wuchsen die Zahlen bundesweit an, bis sie 1968 die Zahl von 100.000 überschritten.
Warum entstanden die Ostermärsche?

Zwei Hamburger Lehrer und Quaker, Konrad und Helga Tempel, hatten gemeinsam mit DGB-Mitgliedern an den ersten britischen Märschen 1958 vom Londoner Trafalgar Square nach Aldermaston und im Folgejahr von Aldermaston zurück teilgenommen. Die britische Labour Party, Gewerkschaften und Friedensgruppen, vor allem die Kampagne für Nukleare Abrüstung, protestierten gegen die dortige Atombombenproduktion und gegen die laufenden Atombombentests in der Atmosphäre. Das kann mensch sich heute kaum noch vorstellen, aber damals vergifteten sie die Luft rund um den Erdball.

Vorbild der Demonstrierenden waren die Salzmärsche Mahatma Gandhis von 1930 in Indien. Diese wollten durch Gewaltfreiheit, Geduld, zivilen Ungehorsam und demonstratives Aufsichnehmen von Leid die englischen Kolonialherren aufrütteln und zum Umdenken bringen, die das Salz den Indern nur zu einem hohem Preis verkauften. Daher produzierten die Inder nun ihr Salz selbst.

Ein weiterer Erfolg war schließlich die Unabhängigkeit Indiens, ein anderer die Ausbreitung der Methode der gewaltfreien Aktion über die ganze Welt.

Fünf Jahre nach dem ersten Ostermarsch wurde 1963 der Atomteststoppvertrag von den USA und der UdSSR unterzeichnet. In der Folge ergab sich glücklicherweise eine Entspannung zwischen Ost und West und damit weitere Abrüstungsverträge. Aber natürlich gab es noch jahrelang verseuchte Luft.

Bis heute haben wir Atomwaffen noch in unserem Lande stationiert, nämlich in Büchel an der Mosel bei Cochem. Dort horten die US-Amerikaner noch 20 Atombomben und deutsche Soldaten werden daran ausgebildet. Um diese Bomben wegzubekommen - dafür gehen in diesen Ostertagen wieder Tausende Menschen auf die Straßen. Wir können nur hoffen und müssen immer wieder mahnen, dass die Versprechungen von Frau Merkel und Herrn Westerwelle eingehalten werden, die die Abschaffung dieser Massenvernichtungswaffen in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt haben. Aber das ist eine schwierige Aufgabe, weil wir von der NATO abhängig sind.

Im Mai findet in New York die nächste Konferenz über den Atomwaffen-Nichtverbreitungsvertrag statt, und Vertreter der „Bürgermeister für den Frieden“, das sind inzwischen über 3.000 Gemeinden weltweit, werden dabeisein mit Rede- und Vorschlagsrecht. Allerdings nicht der Braunschweiger Oberbürgermeister, obwohl unsere Stadt diesen Friedensgemeinden angehört! Dieses Desinteresse wird das Friedenszentrum noch in der Öffentlichkeit anprangern.
Wir demonstrieren auch gegen die wahnsinnigen deutschen Rüstungsexporte, die Tod und Verderben in die Welt bringen und bei denen wir einen traurigen 3. Platz in der Welt erreicht haben.

Immer noch wird viel zuviel Geld für Rüstung, Militär und sogenannte „Kriegshandlungen“ (Guttenberg) verpulvert, anstatt es in friedliche Konfliktbearbeitung zu investieren. Mehr und mehr setzt sich sogar beim Militär die Überzeugung durch, dass Soldaten und Waffen meistens keinen Frieden schaffen können.
Und erst recht müssen uns die neuen toten Deutschen und Afghanen aufrütteln, dass wir endlich eine friedliche Lösung in Afghanistan anstreben und die Soldaten nach Deutschland zurückholen.
Deshalb lasst uns nicht aufhören für den Frieden zu arbeiten!

 

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