Die Ausstellung über die Nakba, die Vertreibung der Palästinenser in den Jahren 1947/48, ist am 4. Juli zu Ende gegangen. Die Ausstellung war das Werk von Engagierten, deren wesentlicher Impuls darin lag, diese Urkatastrophe des Palästinensischen Volkes ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Seine Bedeutung erlangt dieses Ereignis der Vergangenheit dadurch, dass sich hier die Gründungsmythen der Palästinenser und der Israelis überkreuzen. Die ungeklärte Vergangenheit vergiftet noch immer die Gegenwart, und es steht zu befürchten, dass sie auch noch die Zukunft vergiften wird. (Einen Teil davon bekamen auch die Braunschweiger Veranstalter zu spüren, da ihnen gesellschaftliche Gruppierungen entgegentraten, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt als "Antisemitismus" heftig, wenn auch zum Glück nur verbal, bekämpften.)

Da war von Gottes Verheißung an das Volk Israel die Rede. Völkerrechtlich dürfte das nicht bindend sein. Und von der absoluten Ausnahmestellung des Staates Israel auf Grund der Shoa: Den Verfechtern dieser Auffassung sei Avram Burgs Manifest "Hitler besiegen" zur Lektüre empfohlen. Er beschreibt die Instrumentalisierung der Shoa durch Israel: Während man den Deutschen als nützlichen Partnern längst ‚verziehen‘ hat, dienen die Palästinenser als Hitler-Ersatz. Burg war Sprecher der Knesseth und politischer Berater israelischer Regierungschefs; er rät seinem Volk, dass es nach vorne sieht und die anstehenden Probleme nicht länger verschleppt.

Die wichtigsten Einsichten im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft vermittelt die zweite Podiumsdiskussion im Begleitprogramm der Ausstellung am 2. Juli 2012 mit Felicia Langer, Johan Galtung und Norman Paech. Vor allem die beiden letzteren vertraten die Ansicht, dass zuerst ein Frieden kommen müsse, bevor Israel Sicherheit erlangen könne – nicht umgekehrt, wie heute von Israel argumentiert wird. Vom Westen sei wenig zu erwarten, wichtiger sei die UNO, die bereits letztes Jahr Palästina in die Unesco aufgenommen habe. Sie erinnerten an die KSZE-Konferenz von Helsinki, die 1975 dem Ostblock die Zusage der Menschenrechte abgerungen habe für den Preis der Anerkennung der bestehenden Grenzen. In diesem Zusammenhang plädierten die beiden für eine "Westasien"-KSZE, welche Sicherheit gegen Menschenrechte (und politische Rechte) garantieren könne.

Bedauerlich ist das geringe Echo dieser hochkarätig besetzten Veranstaltung. Da sich die Braunschweiger Zeitung versagte, hatte die Diskussion keine Chance, über den Kreis der Insider hinauszugelangen. Es fällt auf, dass der Nahostkonflikt hierzulande systematisch unterschätzt wird. Dabei dient er auf beiden Seiten als Alibi: Die Palästinenser halten die Flüchtlinge von 1948 – nunmehr in der fünften Generation – noch immer in Lagern, die als Unruheherde fungieren. Und Israel hält an seiner Doktrin fest, dass es von Feinden umgeben sei und auf einen Präventivschlag nicht verzichten könne. Manche Kritiker behaupten sogar, der Konflikt mit dem Iran sei ein Ablenkungsmanöver Israels, um den Konflikt mit Palästina nicht ernsthaft in Angriff nehmen zu müssen. Angesichts dieser Relevanz des Themas hätten sich die Veranstalter mehr (Medien)-Öffentlichkeit gewünscht.


Ingeborg Gerlach

 

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