Bericht des Vortrags von Martin Schult am 19.10.2017 in der VHS in der Reihe "Wege zu einer Kultur des Friedens".

Martin Schult hat als Mitglied des Börsenvereins und als Geschäftsführer des Friedenspreises des deutschen Buchhandels den jährlichen Festakt in der säkularisierten Paulskirche in Frankfurt  hautnah miterlebt. So berichtete er sehr lebendig über die Vergabe der Friedenspreise an Menschen, die von den Buchhandlungen vorgeschlagen und  von einer Jury als Preisträger ausgewählt wurden. Nach der unrühmlichen Vorgeschichte des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Zusammenarbeit mit den Nazis) stiftete der Schriftsteller und Autor Hans Schwarz zusammen mit einigen Verlegern den Friedenspreis  in der Hoffnung, Deutschland aus der kulturellen Isolation heraus zu holen und das humanistische Gedankengut wieder in die Gesellschaft einzubringen. „Da es sich um einen Brückenschlag und Völkerversöhnung handelt, müsste es ein Friedenspreis für alle werden, die draußen für uns einstehen.“ (Hans Schwarz).

Der erste Friedenspreis ging 1950 an Max Tau, der im Exil versuchte, mit deutscher Literatur ein anderes Bild von Deutschland zu zeigen und sich nach dem Krieg für Versöhnung einsetzte.   Ab 1951 wurde der Friedenspreis in der Paulskirche in Frankfurt während der Buchmesse verliehen. Die Paulskirche war nach dem Krieg als erste wieder hergerichtet, weil sie ursprünglich als Sitz des Bundesrates geplant war. Über 70 Preisträger aus 26 Ländern der Erde beweisen die Internationalität des Friedenspreises. Der Preis wird aus den Mitgliedsbeiträgen des Börsenvereins finanziert

Martin Schult berichtete, dass die Laudatio der Preisträger oft einen nachhaltigen Eindruck hinterließen. Zum Beispiel die Rede von Ernst Bloch, der 1967 selbst konservative Politiker überzeugen konnte. Als besonderes Ereignis schilderte er die Preisverleihung an den senegalischen Staatspräsidenten Léopold Sedár Senghor, dessen Auftritt 1968 von einer Studenten-Demonstration begleitet wurde. Willi Brandt führte den Gast über eine Seitentür auf eine Wiese, hat mit ihm 2 Stunden abgewartet, um dann das geplante Essen einnehmen zu können.

Oktober 1977 erhält Leszek Kolakowski den Friedenspreis  auf dem Höhepunkt des deutschen Herbstes mit der Ermordung Hanns Martin Schleiers und der Entführung der Lufthansamaschine “Landshut“. Seine Rede „Erziehung zur Würde, Erziehung zum Hass" passt- gänzlich unbeabsichtigt- zur dramatischen politischen Situation jenes Jahres.

Unvergesslich ist der leere Stuhl für Vaclaf Havel, der als Preisträger im Oktober 1989 nicht kommen konnte, da  ihm die Ausbürgerung drohte. Die politische Präsens von Bundeskanzler und Bundespräsident Weizäcker gaben ein starkes Zeichen.

Besonders beeindruckt war Martin Schult von der Person Jaron Lanier. 2014 ging der Preis an den New Yorker, der einen Appell für einen neuen Humanismus ausruft und vor der Entmenschlichung in einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft warnt. Er schrieb u.a. das Buch "Wem gehört die Zukunft? - Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt"

In diesem Jahr 2017 erhielt die Geschichtenschreiberin Margret Atwood die Auszeichnung für ihr  Gesamtwerk, mit dem sie sich für Humanität, Gerechtigkeit und Toleranz einsetzt. Ihr bekanntestes Buch ist "Der Report der Magd".

Gabriele Canstein