
Am Montag fand am sog. Ausländerfriedhof am Brodweg in Braunschweig, wo 1200 ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangene beerdigt wurden eine Gedenkfeier statt.
Hier die Rede von Werner Hensel:
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, liebe Genossinnen und Genossen,
es geschieht im Juni 2026:
Der Spiegel titelt: „Unser Krieg gegen Russland“
Die Bundeswehr übt den Krieg in Litauen, 20 km von der Grenze Belarus. Und wirbt mit dem Slogan „Gemeinsam Grenzen überwinden“.
Deutschland ist bereit, „heute Nacht zu kämpfen“. Das sagte der Chef der deutschen Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, in einem Interview mit der britischen Zeitung The Telegraph. Des Weiteren hieß es vonseiten Neumanns: „Wir werden mit allem reingehen, was wir in Deutschland haben, die Luftwaffe, aber auch in der Nato, um unser Land, unsere Werte, unsere Bevölkerung und unser Bündnis zu verteidigen.“ Der hochrangige Militär spricht zudem von „verheerenden Luftschlägen“, die die deutsche Luftwaffe auf russischem Gebiet ausführen würde.
Wie geschichtsvergessen kann man sein, um so zu reden?
Die Russophobie kennt kaum noch Grenzen. Jede Drohne über einem Flughafen oder einer Fabrik ist russisch - wenn nicht, dann wenigstens durch russischen Einfluss vom Kurs abgekommen, wie in den baltischen Staaten. Jeder Computer-Absturz oder Datenklau hat seine Urheber in Russland. Es grenzt an Hysterie.
Zum Thema Kriegs-Hysterie im Jahre 1914(!) berichtete der NDR so:
Ein Polizeipräsident spricht von einem "Narrenhaus", in dem "die Einwohnerschaft" anfange, verrückt zu werden: "Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion und meint die Pflicht zu haben, ihn und den Schutzmann, der sich seiner annimmt, blutig zu schlagen. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten und Spione standrechtlich erschossen. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden."
Die Zeiten sind schwieriger geworden. Unverantwortliche Politiker, Militärs und Rüstungsprofiteure bereiten einen Krieg gegen Russland vor.
Dazu gehört, die Geschichte zu verfälschen, Krieg zu verharmlosen.
Deshalb erinnern wir:
Heute vor 85 Jahren, war das „Unternehmen Barbarossa“ - wie der Überfall auf die Sowjetunion genannt wurde - rund 12 Stunden alt.
Die ersten Tausende von am Ende 27 Millionen Sowjetbürger hatten seit dem Überfall der faschistischen Wehrmacht auf ihre Heimat in den frühen Morgenstunden ihr Leben gelassen.
Erst vier Jahre später war das Morden beendet.
Mit dem Völkermord an den Juden, den Sinti und Roma, mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, der Verfolgung aller politisch Widerständigen, mit der Euthanasie hat sich der deutsche Faschismus beispielloser Verbrechen schuldig gemacht.
Wir stehen hier am Ehrenmal für sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die zwischen 1939 und 1945 in Braunschweig umkamen.
In diesen Gräbern liegen die Opfer von Zwangsarbeit aus Polen, der Ukraine und der Sowjetunion.
Wir verneigen uns vor den Opfern und versprechen, alles zu tun, dass sich solches Grauen nicht wiederholt.
Das Unternehmen Barbarossa war ein besonderer Krieg, den Adolf Hitler so begündete:
„Im russischen Bolschewismus haben wir den im zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen“
„Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm untertanen Randstaaten denken.“
Dieser Krieg war von Anfang an als Vernichtungskrieg gegen das Volk der Sowjetunion geplant und wurde so geführt.
Der erste sozialistische Staat musste niedergeworfen werden. Es dufte keine Alternative zum Kapitalismus geben.
Dafür zwei Beispiele:
Erstens: Der sog. Kommissarbefehl, in dem es hieß:
„Politische Kommissare als Organe der feindlichen Truppe sind kenntlich an besonderen Abzeichen – roter Stern mit golden eingewebtem Hammer und Sichel auf den Ärmeln. […] Sie sind aus den Kriegsgefangenen sofort, d. h. noch auf dem Gefechtsfelde, abzusondern. Sie sind nach durchgeführter Absonderung zu erledigen.“
Mit „Kommissaren“ gemeint waren Funktionäre der Komintern, maßgebende Parteifunktionäre, Volkskommissare, alle ehemaligen Polit-Kommissare der Roten Armee, Intelligenzler, Juden und fanatische Kommunisten sowie „unheilbar Kranke“.
Es sollten diejenigen liquidiert werden, von denen der härteste Widerstand gegen die Kriegspläne der Faschisten zu erwarten waren. Tausende fielen diesem Mordbefehl zum Opfer.
Die Vorstellung, dass die Ermordung der politischen Führer zum Zusammenbruch des militärischen Widerstandes führen würde, konnte nur ein nach dem „Führerprinzip“ aufgebauter Staat haben.
Wer für eine gerechte Sache kämpft, kann das auch ohne Führer.
Zweites Beispiel:
Die faschistische Armee kämpfte für die Eroberung fruchtbaren Ackerlandes und von Rohstoffquellen. Diese sollten nicht mehr den Völkern der Sowjetunion zur Verfügung stehen.
So steht in der Aktennotiz einer Besprechung der Staatssekretäre schon sechs Wochen vor Beginn des Überfalls:
„1. Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird.
2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“
„Viele 10 Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen.“
Auf Seiten der deutschen politischen und militärischen Führung rechnete man mit etwa 30 Millionen Hungertoten.
Trotz dieser barbarischen Kriegsführung konnte die Sowjetunion die faschistischen Armeen aufhalten. Das Kriegsziel, spätestens Weihnachten 1941 gesiegt zu haben, hatte sich mit dem Ende des Vormarsches im Winter 1941 kurz vor Moskau erledigt. Stalingrad zerstörte den Mythos der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht. Die Schlacht am Kursker Bogen, die „Operation Bagration“ im Sommer 1944 besiegelten die militärische Niederlage der faschistischen Wehrmacht. Die Rote Armee leistete den größten Anteil an der Befreiung Europas vom Faschismus. Dafür gebührt ihr der Dank der Völker.
Aus dem Völkermord an den europäischen Juden leitet unsere Bundesregierung eine besondere Verantwortung gegenüber Israel ab.
Aus den 27 Mio. Kriegsopfern der Sowjetunion muss eine besondere Verantwortung gegenüber den Völkern der Sowjetunion abgeleitet werden.
Aus den Verbrechen an Euthanasie-Opfern, der Ermordung von Sinti und Roma, der Verfolgung politischer Gegner muss eine besondere Verantwortung abgeleitet werden.
Die besondere Verantwortung Deutschlands aus allen Verbrechen des Faschismus kann man zusammenfassen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“!
Als1949 das Grundgesetz beschlossen wurde, war die Erinnerung an den Krieg noch stark.
Deshalb heißt es darin, dass das „Deutsche Volk“, „von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“ habe und es verbietet „alle Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören“.
Wenn wir heute gegen Geschichtsfälschung kämpfen, gegen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung, gegen Einschränkung demokratischer Rechte, ist das praktische Anwendung des Grundgesetzes.
Frieden und Sicherheit in Europa kann es nur mit und nicht gegen Russland geben.
Wir müssen die Völkerverständigung neu beleben, sie ist Bedingung für das friedliche Zusammenleben.
Das alles haben wir jedes Jahr an dieser Stelle, bei jedem Ostermarsch, Antikriegstag, bei jeder Aktion für Frieden und Abrüstung immer wieder gesagt – ja, manchmal ist es ermüdend.
Aber ich halte es mit Bertolt Brecht:
Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.
Diese Aufgabe nimmt uns niemand ab.